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DIE GEHEIMEN RÄUME DES INNEREN 

Wie findet man sie und wie betritt man sie?

Ich arbeite nicht wie eine Ethnologin, die einen exotischen Stamm von außen betrachtet sondern wie eine Eingeborene dieses Stammes, vielleicht auch wie eine Magierin, die bestimmte Rituale vollziehen muß, damit sich die Türen der geheimen Räume öffnen. Dies geschieht u.a. beim Träumen auf Papier oder, anders gesagt, bei einer „écriture automatique“, wie es André Breton den Surrealisten empfahl. Auch in den nächtlichen Träumen oder beim Zeichnen mit halber Aufmerksamkeit öffnen sich Freiräume für das Unbewußte. Die meisten meiner Bilder entstehen auf diese Weise.

So bevölkern sich die Räume auf Zeichnungen und Leinwänden mit symbolischen Orten, archetypischen Wesen und surrealen Requisiten: Paradiese, Labyrinthe, Wickelkinder, Kindheit, die Schöne, die alte Frau, die Großmutter bzw. Große Mutter, oder die Hexe, auch Katzen, Raben, Chimären und anderes Getier, Bäume, Korsagen und Kannen, die im Bild oder auch im Traum eine hinweisende Bedeutung erhalten, die sich je nach Betrachter verändern kann.

Beim Betreten dieser Räume begibt man sich sozusagen jenseits des Zaunes, der die sichere Existenz umgibt  -  wie es die Hexe Haga Zussa macht, die auf dem Zaun sitzt, das eine Bein im Inneren, das andere im Außen, in der Anderswelt. Sie bewegt sich frei in beiden Reichen. Für sie gibt es keine Verbote. Ganz anders Blaubarts Frau, die von Neugier getrieben, eine letzte Kammer, die tabu war, öffnete.

Das Paradies steht vor dem Labyrinth. Es kennzeichnet einen Ort der Unschuld, Sorglosigkeit und Geborgenheit. Diese Begriffe sind dort unbekannt, denn sie weisen  auf ihr Gegenteil hin:  Schuld,  Sorge und das Ausgeliefertsein in der dualen Welt.

Es wird oft vom Kindheitsparadies gesprochen, das sich aber nur unter günstigsten Bedingungen ereignet. Viele Kinder erleben Einsamkeit und Unsicherheit.

Auf einer alten Schallplatte spricht der Schauspieler Oskar Werner ein Gedicht von Heinrich Heine: “Ich hab’ in meinen Jugendtagen wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen...“ Am Ende des Gedichtes heißt es: “Der Kranz ist mir vom Haupt genommen, ich weiß es nicht, wie es gekommen.“ Es spricht von der Vertreibung aus dem magischen Reich der Kindheit, in dem alles möglich ist.

Seit das erste Menschenpaar aus dem Paradies gewiesen wurde, ist der Garten Eden verschwunden, aber auf den Leinwänden der Künstler, in Gedichten, Geschichten und in den Märchen ist er wieder auferstanden. Erinnerung und Sehnsucht danach scheinen noch in unserem Unbewußten zu schlummern und brechen sich manchmal Bahn.

Labyrinthe und Irrgärten sind auf der ganzen Welt bekannt. In Indien fand ich dieses Symbol in einen großen Stein gemeißelt. Das wohl bekannteste ist das Labyrinth von Knossos, in dem der Sage nach der Minotaurus hauste, ein Monster, halb Mensch halb Tier, dem jährlich Jünglinge und Jungfrauen geopfert wurden.  Theseus fand mit Ariadnes rotem Fadenknäuel den Weg zurück ins Freie.

Das Labyrinth, ein mäandernder Weg, der zum Ziel führt. Im Mittelpunkt sollte man den Schatz der Selbsterkenntnis finden.

Auf meinen Bildern gibt es öfter umwickelte Wesen oder auch Wickelkinder. In einem bebilderten Märchenbuch – ich glaube es war von Wilhelm Hauff – sah ich einen Menschen völlig gebunden, wie ein Wickelkind, zur Strafe für irgendein Vergehen, oder auch unschuldig – auf einer kleinen, steinigen Insel vom Meer umgeben ausgesetzt. Ich habe als Kind die Einsamkeit und völlige Hoffnungslosigkeit dieses Unglücklichen mit Entsetzen und gleichzeitiger Faszination betrachtet.

Viele Jahre später, als Erwachsene, stand ich in Venedig im Museo Quirini Stampalia vor einem Bild von Giovanni Bellini “Die Darstellung im Tempel“. Darauf hält Maria das gewickelte Jesuskind dem Hohen Priester entgegen. Hier ist Hoffnung, denn man weiß, daß aus dem Kokon ein erleuchtetes Wesen schlüpft. Auch dieses Bild zähle ich zu meinen “wichtigen“ Bildern.

Ich schreibe seit vielen Jahren meine Träume auf – nachts, wenn ich davon aufwache. Ich schreibe ohne gut zu formulieren und mit dem Verstand einzugreifen, mit einfachsten Worten, damit die Traumbilder möglichst so bleiben, wie ich sie sah.In meinen Träumen sind Dialoge auf das Nötigste beschränkt. Ich denke zwar manchmal im Traum, aber nur selten singe, fliege und tanze ich. Manchmal entstehen Zeichnungen zur Verdeutlichung des Gesehenen, aber oft gelingt es nicht, wiederzugeben, was ich gesehen habe, weil ich es nicht verstehe. Es gibt einfach keine Bezugspunkte dazu. Träume sind eine andere Ebene, sie sind die wahren geheimen Räume des Inneren. Wenn ich darin umhergehe, passiert es, daß ich in Gegenden gerate, in denen die beschreibbare Wirklichkeit wie die Spitze eines Eisbergs ist, der nicht nur im Gefühl tief geht, sondern sich auch in der Zeit verliert – eine Dimension, die ich im Wachen nicht nachvollziehen kann, die sich nicht ausdrücken läßt, die ich eben noch verstand, in der ich gerade noch heimisch war. Jetzt ist sie mir fremd und unheimlich. Ich erlebe, daß Träume Vergangenheit haben, wie die Stadt in einem der Bücher von Michael Ende, die eben erst erstanden ist mit ihrer ganzen Vergangenheit und der Erinnerung der Wesen, die in ihr leben. Der Traum hat eine Sprache, die nur in Bildern anzuschauen ist.

Ebenso wie Träume oft unbegreiflich sind, ist auch unsere Wirklichkeit nur vordergründig zu erfahren, wie der spirituelle Lehrer Eckhart Tolle in seinen Büchern schreibt: “Wir lassen uns zu der stillschweigenden Überzeugung verleiten, wenn man etwas mit einem Wort benannt hat, wüßte man was es ist. Dabei hat man lediglich das Geheimnis mit einem Etikett versehen. Alles, ob ein Vogel, ein Baum oder Stein und natürlich der Mensch, ist letztlich unbegreiflich. Das liegt  an seiner unauslotbaren Tiefe. Wir können nicht mehr als nur die Oberfläche der Wirklichkeit wahrnehmen, erfahren und gedanklich erfassen.“